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Palliative Geburt: 4 Fragen an Dr. med. Esther Schouten

Maria: Du bist Neonatologin, also Ärztin am LMU Klinikum in der Neonatologie unter der Leitung von Prof. Flemmer. Wir kennen uns, weil mein verstorbener Sohn bei dir auf der Station war. Du betreust mit deinem Team auch palliative Geburten. Was heißt das?
Esther: Eine geplante palliative Geburt kommt dann in Frage, wenn Eltern während der Schwangerschaft erfahren, dass ihr Kind eine schwerwiegende Fehlbildung oder Erkrankung hat, die mit einer sehr begrenzten Lebenserwartung einhergeht. Oder wenn es eine Erkrankung ist, die - so gesagt - nicht mit dem Leben vereinbar ist. 
Anstatt einem Schwangerschaftsabbruch können Eltern sich nach einer ausführlichen Beratung auch entscheiden, die Schwangerschaft weiterzuführen und sich für eine palliative Geburt entscheiden.
Bei einer palliativen Geburt steht für Eltern das Kennenlernen und das gemeinsam-Zeit-verbringen mit ihrem Kind im Mittelpunkt. Unsere Aufgabe ist es, dabei dafür zu sorgen, dass das Baby keine Schmerzen, Luftnot oder andere belastende Beschwerden hat und wenn diese doch auftreten, sie adäquat zu behandeln.
Die Zeit während und nach der Geburt steht völlig im Zeichen von Kennenlernen und Verabschiedung. Unsere Aufgabe als medizinisches Team ist im Hintergrund und dreht sich darum, den Eltern die Sicherheit zu geben, dass es ihrem Baby soweit gut geht.
Maria: Genau das ist wohl die größte Sorge der Eltern: muss mein Kind sehr leiden?
Esther: Wir sagen Eltern, dass das Vorbeugen von Leiden nach der Geburt unsere Hauptaufgabe ist bei einer palliativen Geburt. 
In unserer Erfahrung brauchen allerdings die meisten Neugeborenen in dieser Situation das gleiche als alle anderen Neugeborenen: Wärme, Zuwendung und Liebe sowie Körperkontakt zu ihre Eltern. Wenn es doch Hinweise gibt auf Schmerzen oder andere Beschwerden können wir die gut therapieren mit Medikamenten. Diese versuchen wir so schmerzfrei als möglich zu verabreichen, etwa als Saft oder via Nabelschnur.
Maria: Wenn das Baby soweit stabil ist - können die Eltern mit ihrem Kind auch nach Hause gehen?
Esther: Das ist eine Möglichkeit, dazu versuchen wir meisten eng mit dem Kinderpalliativzentrum zusammen zu arbeiten und die Familie aus dem Kreißsaal dorthin zu verlegen, um von da aus nach Hause entlassen zu werden. So kann das Team dort gut einschätzen, welcher Unterstützungsbedarf besteht und das SAPPV-Team involvieren. Da sich das Kinderpalliativzentrum gleich neben dem Kreißsaal befindet, ist eine Verlegung dahin meisten wenig umständlich und es müssen keine längeren Wegen abgelegt werden.
Maria: Ihr betreut die Familien ganz individuell und bedürfnisorientiert im Sterbeprozess. Sowohl medizinisch als auch psychosozial. Wie werden die Eltern nach dem Tod des Kindes begleitet?
Esther: Eltern, die sich von ihrem Neugeborenen bei uns auf Station verabschieden müssen, bieten wir eine Unterstützung für die Zeit nach dem Klinikaufenthalt an. 
Seit 2019 gibt es am Klinikum Großhadern ein spezielles Nachsorge Team, SAVE, das steht für SupportteAm für frühVerwaiste Eltern. Das Team besteht aus erfahrenen Kinderkrankenschwestern der Station, die eine Ausbildung in Palliative Care und eine Trauerbegleiterausbildung absolviert haben. Oft betreuen die Fachkräfte das Kind bereits auch auf der Station und im Sterbeprozess.
Jede Familie bekommt die Möglichkeit, eine Nachsorge durch eine der Kolleginnen zu erhalten. Dies wird ganz individuell und flexibel gestaltet und nach den Bedürfnissen der betreffenden Familie ausgerichtet. Sie soll in der ersten Zeit nach dem Verlust eine Unterstützung sein und eine offenes Ohr bieten.
Maria: Was wünscht Du Sterneneltern?
Esther: Jedes Baby und seine Sterneneltern das ich auf ihrem Weg bei uns kurz oder länger begleitet habe, hat meine Haltung als Ärztin und Mensch geprägt. Jedes Neugeborene hinterlässt Erinnerungen, die wertvoll sind und ich wünsche Sterneneltern das sie immer wieder erneut Menschen begegnen die diese Erinnerungen mit ihnen nachspüren und ihr Sternenkind bedenken.

Das SAVE Team des LMU Klinikums