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Interview mit Lisa Harmann, Autorin und Notfallseelsorgerin

Lisa Harmann
Bildrecht: Marco Berger

5 Fragen an Lisa Harmann, Journalistin, Autorin und eine der beiden Köpfe hinter dem Familienblog "StadtLandMama". Die dreifache Mama ist auch Trauerbegleiterin und Notfallseelsorgerin, im September erschien ihr gemeinsames Buch mit Albi Roebke "Und plötzlich ist nichts mehr wie es war“.

 

Maria: Wir haben uns im Frühling getroffen - du warst mitten in der Arbeit an eurem neuen Buch. In unserem Gespräch ging es um Krise und Tod ganz genauso wie um Liebe und Zuversicht.

 

Lisa: Ja, das war eine intensive Zeit, weil ich sehr von Albis Erfahrungsschatz aus 25 Jahren Notfallseelsorge profitieren konnte und mir so viele Fragen beantwortet werden konnten in der Zusammenarbeit mit ihm und mit den ProtagonistInnen aus unserem Buch, die sich uns mit ihren Schicksalsgeschichten geöffnet haben, um zu zeigen, was ihnen durch die schwersten Krisen geholfen hat, wie sie es geschafft haben, zurück ins Leben zu kommen. Ich bin ja der festen Überzeugung, dass die, die schon ganz tiefe Gefühle haben, auch die hohen intensiver erleben können. Sie haben „Bullerbü verlassen“, so beschreibt es Albi, da geht es dann bei Zusammentreffen nicht um Oberflächlichkeiten, da ist sehr viel Wahrhaftigkeit, das ist wirklich

wertvoll.

 

Maria: Wir setzen uns dafür ein, dass sie die Unterstützung erhalten, die sie brauchen. Denn: viele Familien, viele Trauernde generell, fühlen sich alleine mit ihrem Schicksal.

 

Lisa: Wie wir das verändern können? Indem wir nicht weiter schweigen, sondern eine neue Natürlichkeit mit dem Thema entwickeln. Wir sprechen ja auch über Geburten, ob die schwer waren oder eher einfach, wir dürfen also auch über den Tod sprechen. Ich ziehe hier in meinen Begleitungen gern das Bild eines Familienmobiles heran. Wenn jemand dazu kommt, hängt es erstmal schief und alle müssen nun ihren neuen Platz finden, um zurück in die Balance zu kommen – und wenn jemand rausfällt eben auch.

 

Maria: Wir dürfen und sollten also drüber sprechen?

 

Lisa: Viele werden das kennen: Wenn sie sich trauen, sich zu öffnen, öffnet sich ihr Gegenüber in der Regel auch. Da kommen dann Geschichten zutage, von denen man möglicherweise gar nichts ahnte. Auch die oben genannten Schuldgefühle werden viele kennen… Aus Gedanken wie „Hätte ich doch nur…“

 

 

Maria: Was bedeuten diese Schuldgefühle?

 

Lisa: Ganz viele Menschen entwickeln im ersten Moment des Schocks direkt ein Schuldgefühl, das schickt uns unsere Psyche aber nicht umsonst. Es hat eine Funktion, das war auch so ein Aha-Moment in meiner Ausbildung zur Notfallseelsorgerin. Es ist ein Schutzmechanismus, der uns zunächst das Überleben sichert, denn ein Verlust haut uns erstmal raus aus dem Vertrauen in die Welt. Im Grunde erfahren wir in dem Moment am eigenen Leib, dass wir keine Kontrolle haben, dass wir dem Schicksal ausgeliefert sind. Wir erleben eine Ohnmacht. Wenn aber jemand schuld war (ich selbst oder jemand anders, das spielt keine Rolle), dann heißt das: Wenn beim nächsten Mal alle alles richtig machen, dann passiert mir sowas Schlimmes nie wieder. Das gibt uns Sicherheit, dass etwa nach dem Tod meines Kindes nicht morgen auch noch mein anderes Kind verstirbt. Das Schuldgefühl darf also zunächst da sein, wir dürfen es als Krücke betrachten, die uns bei den ersten Schritten zurück ins Leben begleitet. Nur stellen wir eine Krücke nach einer OP nach einigen Wochen auch wieder in die Ecke und versuchen, ohne sie zu gehen. Das dürfen wir mit dem Schuldgefühl auch tun.

 

Maria: Was wünschst du Sternenkindfamilien?

 

Lisa: Ein verwaister Vater sagt in unserem Buch relativ schnell nach dem Tod seiner Tochter: Auf diesem Misthaufen sollen Blumen wachsen. Ich finde diesen Satz so wunderbar hoffnungsvoll. Denn ja, Mist bleibt Mist und Mist stinkt, aber mit dem müssen wir halt jetzt umgehen, ob wir wollen oder nicht. Trotzdem darf dieser Boden fruchtbar sein, sodass auch Schönes daraus erwachsen kann. Mein Motto, mit dem ich in meine Begleitungen und Einsätze fahre lautet: Wir können das Schicksal nicht ändern, aber den Umgang damit erleichtern. Tut nach eurem Verlust, was auch immer euch guttut. Gebt euch Zeit, habt Geduld und lasst euch nichts einreden. Euer Verlust, euer Tempo, eure Gefühle. Und schließlich eure Blume, die daraus erwächst.

 

Maria Postel (Januar 2026)